Roadtrip Down Under

Eigentlich logisch, dass Down Under alles ein bisschen auf den Kopf gestellt ist. Verwirrend ist es trotzdem, wenn man ohnehin gestresst vom Linksfahren auch noch das erste Känguru über die Straße hüpfen sieht und der Koala an der Hotelbar einen Scooner bestellt. Es ist also nur verständlich, dass man sich als Auftakt eines unvergesslichen Roadtrips durch Südaustralien gleich ein ganzes Pint gönnt…

Besser gesagt ein Imperial Pint, das fasst hier nämlich 570 ml. Das Pint füllt gerade einmal 425 ml, ein Schooner wird im 285 ml Glas serviert, der Butcher schafft nur 200 ml und ein Pony 170 ml. So zumindest in Südaustralien, also jenem Bundesstaat mit Hauptstadt Adelaide, der von seinen rund 1,7 mio. Einwohnern auch gerne als der „Festival State“ bezeichnet wird. Wir schließen uns den Adelaidern daher an und besuchen das Art Festival Fringe. Es wird vom hiesigen Craft Bier Giganten Coopers gesponsert. Ausgehend von seiner Heimat versorgt dieser Gesamtaustralien mit Pale Ale, Lager und Co und hat dabei einen geschätzten Marktanteil von etwa 50 % am Craft Bier Sektor. Wem das zu groß ist, der besucht das städtische Lady Burra Brewhousemit eigenen Tap Room und anständiger Küche oder das Kings Head Hotel, das sich auf südaustralische Biere etwa von Pirate Life, Little Bangund Prancing Pony spezialisiert hat. Ein Hotel, in dem man übrigens nicht übernachten kann, ebenso wenig wie in den meisten anderen als Hotel bezeichneten Pubs der Stadt. Zum Schlafen fahren wir daher lieber aufs Land. Vorerst Richtung Norden, um nahe dem Meer bei Big Shed Brewing zu stoppen. Dort ist man wiederum so Hipster, dass sogar das Baby am Nachbartisch ein kariertes Hemd, Hosenträger und einen Beanie trägt. Und das passt auch gleich gut zum Schmeichelfaktor des vanilligen Golden Stout Time, das uns nach dem Ozzy Oz-Burger auf den Tisch gestellt wird und für das wir zukünftig wohl jedes Dessert auslassen würden. Noch familiärer wird es eine Autostunde nördlich, im kleinen Weinort Greenock. Dort erwarten uns Chris und Lisa Higgins, die in einer ehemaligen Mühle Bier brauen. Die Einraumbrauerei wirkt dank der gemütlichen Couches und der schwarz-weiß Bilder an der Wand wie ein nostalgisches Wohnzimmer. Geschichten über das deutsche Erbe der Region und ein Kronverkorker mit deutscher Flagge aus dem Jahr 1930 inklusive. Apropos Deutschland: Nach unserem Besuch bei den Greenock Brewersist unser nächster Stopp Hahndorf. Auf dem Weg dorthin erfrischen wir uns noch kurz in Stein’s Taphouseund nehmen bei BarossaValley Brewing ein Hop Heaven Easy IPA und ein Bee Sting Golden Ale für den Strand mit. Auch Hahndorf wird nur ein kurzer Zwischenstopp, denn neben Lederhosenschürzen und Bratwurst gibt es hier vorwiegend Weisse, Zwickl & Co. Dafür sind wir nicht ans andere Ende der Welt gereist. Etwas weiter südlich, in McLaren Vale, gefällt es uns besser: Australischer Wein, erfrischendes Bier. Wir entscheiden uns für Valeim Weingarten. Noch weiter Richtung Great Ocean Road liegt der kleine Küstenort Robe. Maris Biezaitis, Australier mit lettischen Wurzeln, hat hier ein kleines Braureich geschaffen, das seinesgleichen sucht. Er braut ausschließlich mit regionalen Zutaten, wie beispielsweise den australischen Hopfensorten Pride of Ringwood, Melbaund Vic Secret, gewachsen in den Regionen Victoria und Tasmanien. Gekocht wird auf Holz, geläutert im umgebauten Holzfass mit Heu- und Strohunterstützung. Fermentiert wird teilweise offen im alten Milchfermenter, abgefüllt per Hand bis spät abends. Nebenbei lässt man uns verkosten: Alle der rund 15 Biere, von Midnight Smootch mit Süßholz gestopft, bis Shearer’s Joy nach historischer Überlieferung gebraut, vom spontan vergorenen Sourfest bis zum mit grauem Amber verfeinerten Moby Dick Ambergris Ale. Wir kosten und staunen. Und am Ende wissen wir nicht, ob es die Kreativität des Brauers, die Individualität der Biere oder doch der Koala ist, der uns später am Weg nach Hause begegnet – man hat uns Down Under jedenfalls wieder einmal den Kopf verdreht. Und das ist gut so.

 

Beitrag erschienen in der Frühjahr/Sommer Ausgabe 2018 des Craft Bier Magazin 1515.

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